ElectricAffinities
Sprache begibt sich auf eine Reise auf Postkarten aus Porzellan, verbindet Menschen, Vergangenheit und Gegenwart, die in Gedichten, Liedern und Testfragmenten miteinander reden, welche der Künstler ausgesucht hat. In Porzellan verewigt stehen sie für elektrisch aufgeladene Beziehungen, die sich in einer Reihe fiktiver Gespräche offenbaren.
Drei Themen durchziehen die Sammlung: Liebe, Widerstand und Solidarität.
Liebe ist eine Huldigung an das Leben von Serena Vicari. Der Künstler setzt ihr und der unvergänglichen Liebe zwischen den Beiden ein Denkmal in der Form von Postkarten, die sie miteinander austauschen, mit Liedern und Gedichten von Pino Daniele, Eugenio Montale und Salvatore Quasimodo.
Ognuno sta solo sul cuor della terra
trafitto da un raggio di sole:
ed è subito sera.
~ Salvatore Quasimodo
(Jeder ist allein im Herzen der Erde
Gebannt von einem Sonnenstrahl:
Und plötzlich ist’s Abend.)
In Widerstand reagiert der Künstler auf den Völkermord in Gaza. Postkarten an und von den vielen palästinensischen Ärztinnen und Ärzten, dem medizinischen Hilfspersonal, Journalistinnen und Journalisten, Künstlern und Dichtern, die in Gaza getötet worden sind, sind Ausdruck der unmenschlichen Grausamkeit der Täter, während der Widerstand der Palästinenser gleichzeitig ein Hoffnungsschimmer ist. Die Dichter Refaat Alareer (im Dezember 2023 bei einem israelischen Luftangriff getötet) und Mosab Abu Toha (der es aus Palästina geschafft hat und jetzt in Sicherheit ist) führen ein unmögliches, fiktives Gespräch, das hier auf Steingut und Porzellan festgehalten ist. Refaat Alareer schickt eine Postkarte an Benjamin Netanjahu und die gleiche Botschaft ans Weiße Haus:
Die Narben auf den Gesichtern unserer Kinder
werden dich suchen.
Die amputierten Beine unserer Kinder
werden dich verfolgen.
~Mosab Abu Toha. Übersetzt nach „Forest of Noise“, Alfred A. Knopf, New York, 2024
Solidarität greift auf Beziehungen zwischen Menschen zurück, die eine wichtige Rolle in Leben und Werk des Künstlers spielen. Er stellt sich die Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen, Francesca Albanese, vor, wie sie eine Postkarte „An die stillen Konsumenten des Völkermords in Gaza“ schickt. Was sie schreibt, ist an Martin Luther Kings „Brief aus einem Gefängnis in Birmingham“ angelehnt und wurde vom Künstler aktualisiert.
Ich kann nicht untätig in Atlanta Genf dasitzen und mich nicht darum kümmern, was in Birmingham Palästina vor sich geht. Wo immer Ungerechtigkeit auftritt, bedroht sie die Gerechtigkeit überall. Wir sind in einem unentrinnbaren Netz von Gegenseitigkeit gefangen, in einem einzigen Schicksalsgewand miteinander verbunden. Was auch immer einen direkt betrifft, betrifft alle indirekt.
An einer anderen Stelle der Sammlung schickt Franz Kafka eine Postkarte an Walther Benjamin, in der er aus einem Gedicht von Osip Mandelstam aus dem Jahr 1916 zitiert:
Petropolis, diaphan: hier gehen wir zugrunde,
hier herrscht sie über uns: Proserpina.
Sooft die Uhr schlägt, schlägt die Todesstunde,
wir trinken Tod aus jedem Lufthauch da.
~ Osip Mandelstam, übersetzt von Paul Celan
Eine der Künstlerpersönlichkeiten, die der Künstler schon je als elektrisierend empfindet, ist Nina Simone. Hier schreibt sie von ihrem Zuhause in New York an James Baldwin in Paris und zitiert aus ihrem Lied „Mississippi Goddam“ von 1964, das sie nach der Ermordung des Bürgerrechtsaktivisten Medgar Evers in Mississippi und dem Bombenanschlag auf eine Kirche in Birmingham, Alabama, geschrieben hatte.
Lord, have mercy on this land of mine
We all gonna get it in due time
I don't belong here, I don't belong there
I've even stopped believing in prayer
Oh, but this whole country is full of lies
You're all gonna die and die like flies
Why don't you see it? Why don't you feel it?
I don't know, I don't know.
(Herr, sei diesem meinem Land gnädig
Es wird uns alle treffen zu seiner Zeit
Ich gehöre hier nicht, ich gehöre dort nicht hin
Ich habe sogar aufgehört, an Gebete zu glauben
Oh, dieses ganze Land ist so voller Lügen
Ihr werdet alle sterben und wie die Fliegen sterben
Warum seht ihr das nicht? Warum fühlt ihr das nicht?
Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht.)
Diese Postkarten sind Urteil, Polemik und Protest zugleich, Ausdruck einer Form von Solidarität, die Schreibende und Leser im Geist des Widerstands gegen unmenschliche Grausamkeit miteinander verbindet.
Note: Translated by Thomas Thornton